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Wer keine Zeit für seine Gesundheit aufwendet,
wird eines Tages viel Zeit für seine Krankheiten aufwenden müssen

 
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Hallo, ich heisse Vanessa, bin 1975 geboren, also heute 30 Jahre alt und wohne in München. Sportlich war ich schon immer aktiv, mal mehr, mal weniger und hatte dabei auch keine sonderlichen Probleme. Ich reise gerne, erkunde mit Freude fremde Städte und auch München zu Fuss und gehe ausserdem gerne mit Hunden spazieren.

Meine Vorgeschichte:
Meine Hüftdysplasie wurde gleich im Babyalter erkannt und so trug ich lange eine Spreizhose, sogar laufen lernte ich damit. Ich wusste, dass ich diese trug, aber warum, war mir nicht bekannt und somit wusste ich nichts von meiner Hüftdysplasie.

Zum Zeitpunkt der ersten wohl von der Hüfte verursachten Probleme war ich etwa 18 Jahre alt. Mehrere Orthopäden, die ich wegen der in völlig unregelmässigen Abständen kurzzeitig auftretenden Schmerzen im Oberschenkel aufsuchte, konnten sich keinen Reim aus den Beschwerden machen und so wurde es mal mit einem Stützverband behandelt und auch mit Mikrowellen und Nadeln. Da dieses Problem so selten auftrat, hatte ich mich damit arrangiert.

Ich bin mit zunehmenden Alter sportlich immer aktiver geworden und obwohl ich seit Kindertagen immer lieber geschwommen bin als gejoggt, entdeckte ich etwa mit 27 Jahren das Laufen und lief 1 Mal in der Woche etwa 60 Minuten.
Im Alter von 28 Jahren taten mir beide Hüften so weh, dass ich kaum mehr laufen konnte und einen weiteren Orthopäden aufsuchte. Dieser hat seine Vermutung auf Hüftdysplasie (HD) dann mit einem Röntgenbild bestätigt (der erste Orthopäde, der überhaupt mal geröntgt hat). Auf dem Weg zum Röntgen habe ich ihm noch gesagt, dass ich doch kein Hund sei, denn bisher kannte ich HD nur von grossen Hunden, speziell bei Schäferhunden. Nun gut, ich hatte also auch HD.

Der Arzt erzählte mir von der Tripleosteotomie, ich hielt das ganze für etwas übertrieben und wollte nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schiessen und beschloss, es mit Krankengymnastik (KG) zu versuchen. Das Joggen würde ich ab jetzt auch bleiben lassen und wieder zum Schwimmen zurückkehren, nur mein geliebtes Tanzen hielt ich bei . Nach 12 Mal KG ging es mir weitestgehend gut, jedenfalls so, dass ich damit sehr gut leben konnte.


Verzweifelung:
Mein Partner und ich tanzten Turnier und sind durchschnittlich 4 Mal in der Woche beim Training. Die Schuhe sind nicht wirklich gepolstert und einige Sprungkombinationen und Drehungen taten wohl ihr übriges und so hatte ich bald Probleme aus einigen Figuren wieder herauszukommen. Ich wusste nie ob ich nicht beim nächsten Schritt vor Schmerzen einknicken würde. Tolle Vorraussetzung für Turniere! Etwa 2 Jahre also hatte die KG Wirkung gezeigt.

Mittlerweile bin ich 30 Jahre und habe zunehmend mehr Schmerzen: in der Hüfte, in der Leiste, im Po, nach schon einer Stunde Spazierengehen, wenn ich tief sitze, beim Autofahren, wenn ich auf der Seite liege. Allerdings alles noch so, dass ich keine Schmerzmittel benötige und mich noch nicht wirklich eingeschränkt fühle.

Im Hinterkopf hatte ich immer noch diese OP und die Aussage des Arztes, ich solle nicht zu lange damit warten, denn wenn der Knorpel erstmal schwer beschädigt sei, sich diese OP nicht mehr lohnen würde. Ich bin also wieder zum Arzt und teilte ihm meine Entscheidung mich operieren zu lassen mutig mit. Er erklärte mir, dass er das nicht selber operiert (dazu braucht man mindestens 50 OPs im Jahr um das routiniert und gut operieren zu können) und empfahl mich an das Rehabilitationskrankenhaus Ulm und machte sogleich einen Beratungstermin dort für mich aus.

Nächtelang habe ich im Internet nun alles über die Tripleosteotomie gelesen, was es da gab und war erst einmal entsetzt, wie lange die OP und die anschliessende Genesung dauert. Aussagen wie 6 Wochen nicht sitzen, Liegendrollstuhl und Pflegebett im Wohnzimmer waren ein Graus. Allerdings glichen sich alle Vorgeschichten und leider auch der meinen und so kam ich zu dem Schluss, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich auch ernsthafte Einschränkungen hinnehmen müsste.


Rehabilitationskrankenhaus Ulm:
Der Termin in Ulm kam und ich war angenehm überrascht, wie routiniert sie meine Fragen beantworteten. Es schien als ob sie diese OP regelmässig machen und es für sie etwas Normales sei. Aufstehen dürfte ich auch sofort wieder, spätestens am dritten Tag müsste ich sogar. Insgesamt würde ich etwa 8 Tage im Krankenhaus bleiben. Die Reha könne ich gleich im Anschluss daran auf der Rehastation im gleichen Haus machen. Meine Mama, die ich mitgenommen hatte und ich hatten ein sehr gutes Gefühl dort und auch die Klinik machte einen sympathischen Eindruck. Als ich dann den Rehabereich und den Pool gesehen hatte, war klar, dass ich das hier machen lassen würde. Auch wenn Ulm 150 km von München entfernt sind und ich vielleicht deshalb etwas weniger Besuch bekommen würde. Andere Termine wollte ich gar nicht mehr machen, damit ich nicht ins Zweifeln kommen würde.

Ich habe also noch gleich einen OP-Termin ausgemacht und zwar für den 19. Mai 2006, also in 6 Wochen. Früher war leider kein Einzelzimmer frei und das wollte ich unbedingt, denn wenn ich erstmal nicht aufstehen kann (wegen Kreislaufproblemen, wie ich gelesen hatte), müsste ich ja im Bett auf den Topf gehen und bei aller Liebe, aber das mache wirklich lieber alleine.


Entscheidungsfindung:
Natürlich habe ich mir dann doch weitere Meinungen eingeholt mit genau dem Ergebnis, das ich vorhergesehen hatte: totale Unentschlossenheit!
Also habe ich hin und her überlegt und bin in unendlichen Gesprächen darüber mit Freunden zu dem Schluss gekommen, dass es wohl das beste sei, wenn ich mich operieren lasse. Interessanterweise habe ich dabei auch festgestellt, dass ich den Erfolg der OP nie angezweifelt habe, sondern mich eher vor der langen Genesungszeit gescheut habe. Hier meine Entscheidungsliste, vielleicht hilft sie dem einen oder anderen ja weiter:

-Mit 30 Jahren bin ich definitiv zu jung um mit Schmerzen zu leben

-Gerade in jungen Jahren heilen die Knochen viel besser

-Die OP sollte man vor einer Schwangerschaft machen lassen, denn mit Krücken ist man im Haushalt aufgeschmissen und mit kleinen Kindern erst recht. Zwar bekommt man eine Haushaltshilfe wenn die Kinder unter 10 Jahren sind, dennoch ist es anstrengend.

-Auch während einer Schwangerschaft ist die Belastung für die Hüften enorm, was zu erhöhten Schmerzen führen kann. Eine Bekannte erzählte mir von ihrer Freundin, die deswegen auch einen Teil der Schwangerschaft mehr liegend verbrachte und inzwischen ihre Kinder auch nicht mehr tragen kann, weil es ihr so weh tut.

-Meine Hüfte kann noch durch eine Tripleosteotomie korrigiert werden, vielleicht kann ich die künstlstliche Hüfte vermeinden oder zumindest hinauszögern,denn soweit ich weiss, kann man die künstliche Hüften durchschnittlich nur 2 x austauschen, dann wird es schwierig. Bei ca. 15-20 Jahren pro Prothese werden das also 30 oder bestenfalls 40 Jahre, aber was ist dann???

- Im Moment bin ich angestellt und bekomme Lohnfortzahlung und Übergangsgeld, was aber wenn ich mich in ein paar Jahren selbstständig machen will, dann habe ich 3 Monate Verdienstausfall. Kann ich mir das dann leisten?

-In einem Punkt waren sich auch alle Ärzte einig, die Hüftdysplasie und damit verbundene Arthrose ist ein fortschreitender Prozess, den man nicht ohne OP stoppen kann. Also ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Schmerzen unerträglich werden. Muss ich den Punkt also überhaupt erst erreichen? Sport kann hierbei beide Rollen einnehmen: zum einen nämlich den Fortschritt der Arthrose beschleunigen, aber auch durch eine gute Muskulatur etwas verzögern. Es kommt auf den Sport und das eigene Verhalten an. Vielleicht bin ich deshalb erst mit 30 mit den Schmerzen konfrontiert worden.

- Viele Ärzte, viele unterschiedliche/gegensätzliche Meinungen, letztendlich muss ich selbst entscheiden.


Tasche packen:
In der Zeit bis zur OP habe ich mir dann überlegt, was ich im Krankenhaus und der anschliessenden Reha so brauchen würde. Schliesslich würde ich 4 Wochen wegbleiben, bin nicht sehr bewegungsfähig in der ersten Zeit und, und, und
Auch wenn ich natürlich viel zu viel eingepackt hatte, anbei eine Liste der Sachen, die für mich hilfreich waren (Waschzeug natürlich auch, aber das brauche ich bestimmt nicht näher erläutern):

Diverses:
- Leichten Lesestoff, meine Krimis waren viel zu anstrengend in den ersten 2 Wochen
- Fernsehzeitung
- MP3-Player, Walkman oder Discman, denn Musik vertreibt die schlechte Laune zwischendurch
- Block und Stift zum Notieren etwaiger Fragen für die Visite
- Telefonnummern von Verwandten und Freunden, evtl. auch Krankenversicherung (die Kommunikation mit letzteren wurde in Ulm vom Sozialdienst übernommen - eine super Sache!)
- Geld für Telefonkarten, Schwesternkasse, mal ein Eis am Kiosk,
- Umhängetasche für alle Sachen, die man transportieren muss (und sei es nur mal eine Flasche Wasser vom Bett zum Tisch)
- Fotoapparat, für diejenigen, die die Fortschritte gerne in Bildern festhalten
- Kleinen Spiegel um sich auch die Narbe am Po anschauen zu können

Kleidung:
- Badeschuhe damit man auch beim Duschen sicheren Halt hat
- Hausschuhe zum Schlüpfen, weil man die auch alleine anziehen kann (ich hatte in Birkenstock einen sehr guten Halt, auch wenn die Ärzte und Schwestern weniger überzeugt waren)
- Schuhe für Draussen, ebenfalls zum Schlüpfen (Slipper, College Schuhe)
- Panties als Unterhosen, da sie nicht auf die Nähte drücken (ruhig eine Nummer grösser, denn man ist etwas angeschwollen nach der OP)
- Wickelröcke oder -kleider, denn die kann man prima alleine anziehen. Von der Länge etwa bis zum Knie, sonst tut man sich schwer beim Laufen mit Krücken.
- Jacken kann man im Bett auch leichter anziehen als Pullover. Die Taschen daran eignen sich bestens um kleine Dinge von A nach B zu transportieren.
- Strümpfe und Socken kann man sich sparen, denn in den nächsten 3 Monaten wird man Thrombosestrümpfe tragen.
- In der Reha: Sportzeug aus möglichst weichen und stretchigen Stoffen, Schwimmsachen, Fahrradhandschuhe mit guter Polsterung, denn die Hände schmerzen entsetzlich vom vielen Krückenlaufen.


Tripleosteotomie:
Am Donnerstag, 18. Mai 2006, gegen 9 Uhr habe ich dann im RKU (Rehabilitationskrankenhaus Ulm) eingecheckt. Es folgte eine Schnitzeljagd quer durchs Haus: Röntgen, MRT, Gespräch mit Operateur, Anästhesieaufklärung, Blutabnehmen...
Apropos Blut: da die Patienten in Ulm erfahrungsgemäss wenig Blut bei der OP verlieren, musste ich vorher keine Eigenblutspende machen. Gegen Abend dann ein Einlauf, damit während der OP der Darm schön leer ist und ab 22 Uhr nichts mehr Essen und Trinken. Zum Schlafen bekommt man noch eine Tablette, die ich kurz vor 22 Uhr noch nehmen sollte. Habe ich gemacht, dann noch einen Film zu Ende geschaut, bevor ich ins Bad gegangen bin. Beim Zähneputzen konnte ich schon kaum mehr stehen, so müde war ich von der Tablette und so hatte ich dann eine sehr gute Nacht.


Tag 1: Freitag - die OP
6:15 Rasieren (Schambereich) und Duschen (ein letztes Mal für lange Zeit)
7:00 Visite
7:15 Abfahrt Richtung OP
8:00 Die Anästhesie macht mich OP-klar: PDA + Schlafmittel, also keine Vollnarkose
Ich will den OP-Saal unbedingt noch sehen: modern und sehr schön, ich bin zufrieden und bekomme nicht mal mehr mit, wie ich einschlafe.
Ich merke, wie ich wieder in mein Bett gelegt werde und murmle immer wieder, dass sie mich bitte nicht fallen lassen sollen.
9:30 Ich bin im Aufwachraum und friere entsetzlich. Deshalb stecken sie einen Riesenfön unter meine Bettdecke und es wird etwas wärmer. Ich friere immer noch, aber sie behaupten es hätte mittlerweile etwa 50 C unter meiner Bettdecke. Jemand drückt auf meiner Blase rum, weil ich auf's Töpfchen gehen soll, aber durch die PDA und den Schmerzkatheter ist alles taub.
10:30 Der Anästhesist gibt mir ein Gummibärchen, ich freue mich total und schlafe wieder ein
11:30 Die grosse Uhr im Aufwachraum zeigt schon 11:30 Uhr an, ich muss mich beeilen mit Wachwerden, denn um 12 Uhr wollte ich mich mit meinem Freund auf meinem Zimmer treffen.
13:00 Ich komme auf mein Zimmer, mein Freund wartet schon, aber ich bekomme nicht viel mit und schlafe nur. Telefonieren ist viel zu anstrengend, Fernsehen sogar noch mehr und ich schlafe immer wieder ein. Das Abendessen kommt, ich habe kein Interesse daran. Die Orange wollte ich anstandshalber essen, aber als ich sie endlich geschält hatte, musste ich mich übergeben und die Schwester hat sie einfach mitgenommen. Die Übelkeit blieb und wenn ich mich nicht übergebe, habe ich Schluckauf, beides tut weh an den Nähten. Mein Rücken tut mehr weh als meine Hüfte. Mit mehreren Spritzen habe ich die Nacht hinter mich gebracht.


Tag 2: Samstag
Ich habe immer noch keinen Hunger. Allein beim Anblick von Essen wird mir schon schlecht. Ich darf mich im Bett waschen, was sehr gut geht.Meine Mama kommt, bringt mir Obst und auch wenn ich keinen Hunger habe, esse ich zumindest einen Pfirsich und die Erdbeeren. Viel bekomme ich noch nicht mit von dem Besuch. Der Krankengymnast kommt und wir versuchen aufzustehen, aber an der Bettkante wird mir schwindelig und so lege ich mich wieder hin. Meine Blase wird über einen Harnkatheter entleert, da alles noch taub ist, merkt man davon gar nichts. Am Abend schaffe ich es immerhin schon, mir einen Film anzusehen. Die Nacht ist wieder unruhig, mein Rücken plagt mich und wir versuchen den Katheter abzustellen. Nach 2 Stunden haben wir ihn dann doch wieder aktiviert.


Tag 3: Sonntag
Ich verschlafe fast den ganzen Tag, habe immer noch keinen Hunger oder Appetit. Der Blutkatheter wird entfernt (ich staune, wie lange der Schlauch ist, der in mir steckt: ca. 20 cm), der Schmerzkatheter abgestellt und ich gehe auf den Topf. Die Nacht ist ruhig, ich wache nur ein Mal um etwa 3 Uhr auf und nachdem ich ein Schmerzmittel bekommen habe, schlafe ich bis um 6 Uhr.


Tag 4: Montag
Schon wieder essen. Meine Freundin redet mir am Telefon zu, ich solle etwas essen. Also tue ich mein bestes und schaffe immerhin eine Drittel Scheibe Brot mit Marmelade und ein halbes Glas Milch (Calcium für die geschundenen Knochen). Das Wetter ist herrlich, die Vögel pfeifen und ich möchte so gerne in den Garten. Die Krankengymnastin kommt, zeigt mir ein paar Übungen für den Kreislauf und ich gehe am Gehwagen ein Mal durch mein ganzes Zimmer bevor ich total erschöpft (Kreislauf ist am Ende) in mein Bett falle. Wir machen noch ein paar Übungen (tut sehr gut) und versuchen am Nachmittag noch mal zu laufen. Ein kleiner Gang zum Fenster und endlich einmal tief durchatmen, frische Waldluft tanken - welch ein Genuss und schnell wieder ins Bett (Anordnung vom Kreislauf). Ich bekomme ein Zäpfchen zur Darmentleerung. Es ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung, das auf dem Topf zu tun!

Tag 5: Dienstag
Meine Laune ist nicht besonders, aber ein paar Telefonate beschäftigen mich. Es kommt eine neue Krankengymnastin, ebenfalls sehr nett und die Schwester entscheidet, dass ich nun kein OP-Hemd mehr anziehen soll (ich fand es praktisch und bequem), sondern ein T-Shirt und eine Unterhose. Ich lasse mich überzeugen, denn so fühlt man sich dann schon etwas besser. Wir wählen rosa, weil ich so blass bin und alle haben grosse Bedenken wegen meines Kreislaufs. Also muss ich ein Stück Schokolade essen, damit ich aufstehen kann und obwohl ich ein Schokoladenfan bin und es meine Lieblingsschokolade ist, schmeckt es mir nicht wirklich. Wir laufen wieder zum Fenster und ich geniesse die Waldluft. Man muss es mir förmlich angesehen haben, dass es mir dadurch gleich viel besser ging. Ab heute also keinen Topf mehr, ich kann mit dem Gehwagen alleine auf die Toilette (mit Sitzerhöhung) gehen. Dennoch sage ich den Schwestern Bescheid, für den Fall, dass mein Kreislauf nicht mehr will und weil ich ohne Hilfe mein operiertes Bein noch nicht aus dem Bett bekomme. Trotzdem eine absolute Verbesserung meiner Situation! Am Nachmittag darf ich zum Röntgen. Endlich Abwechslung.


Tag 6: Mittwoch
Nach einer miserablen Nacht, will ich auf's Clo und die Schwester kommt mit einem Topf. Ich bin entrüstet, sie erklärt, dass gerade eine Schwester ausgefallen sei, die anderen im OP, sie daher alleine ist mit 40 Patienten und keine Zeit hat, für "selber auf's Clo gehen" und schiebt mir den Topf unter. Ich bin total fertig und weine nur noch. (Schon sehr amüsant, was einen nach einer OP so aus der Fassung bringen kann). Gott-sei-Dank ein rettender Telefonanruf und kurze Zeit später auch wieder mehr Personal und ich kann wieder aufstehen.
Die Krankengymnastin kommt und zeigt mir, wie ich an Krücken laufen kann, es geht gut und ich sehe zum ersten Mal wieder den Flur. Schön! Jetzt sitze ich schon ab und zu am Tisch, aber durch die Sitzerhöhung (tief Sitzen ist nicht erlaubt) ist die Lehne sehr kurz und der Stuhl unbequem. Dann kommt mal wieder eine Blutabnahme und ich hüpfe ein bisschen durch mein Zimmer. Der Arzt kommt und zeigt mir einen Trick, wie ich alleine raus und rein aus und in mein Bett komme. Toll - Freiheit wieder hergestellt.
Fühlen tue ich mich allerdings wie eine Wassermelone, meine Haare sind ein einziges Filzkneul und fettig (Trockenshampoo war nicht so überzeugend) und obwohl ich mich täglich waschen darf (Waschwanne am Bett), finde ich, dass ich stinke und will mich nur noch duschen und die Haare waschen. Der Arzt erlaubt es.

Tag 7: Donnerstag (Feiertag)
Die Nacht war wieder nicht toll, aber ich konnte am Morgen aufstehen und Zähne putzen gehen und erzählte der Schwester, dass ich duschen werde, sobald mein Freund da sei um mir zu helfen. Sie meinte, dass sie mir auch helfen würde und nach dem Frühstück kommt. So war es dann auch, aber als die zweite Schwester mich sah, war sie dagegen, ich sei so bleich, dass mein Kreislauf das nie aushalten würde. Also wurden Puls und Blutdruck zu Rate gezogen, die sich für mich aussprachen und ich durfte duschen (Haare waschen wurde noch nicht erlaubt). Was für ein Gefühl! Ich habe alles alleine gemacht, dank der Klingel in der Dusche fühlte ich mich auch sicher. Dann habe ich noch den Boden mit dem Wischer vom Wasser befreit und bin zum Kleiderschrank um mir was zum Anziehen auszusuchen. Es ist wirklich knifflig, sich die Unterhose alleine anzuziehen, aber machbar. Nebenbei habe ich noch telefoniert. Dann ist mein Freund gekommen, der erste Besuch seit meiner Mama am Samstag, wo ich noch nicht ganz munter war. Oh, wie tat das gut! Ich habe tatsächlich 3 Mahlzeiten gegessen (ich hatte zwar keinen Appetit), aber Essen hilft vielleicht beim Teint.
Ich habe das Schlimmste überstanden (schrieb ich und die Schwester kam mit der Thrombosespritze zur Tür herein ; ) )


Bis Mittwoch der nächsten Woche bleibe ich noch auf der Station, also insgesamt 12 Tage. Es geht mir täglich besser, ich laufe den Gang auf und ab, besuche die Nachbarstation, lerne einen anderen Triplepatienten dort kennen, schaue vom Stationsbalkon dem Hubschrauber zu.
Die hintere Naht geht auf und sieht scheusslich aus. Etwa wie eine zertretene Nacktschnecke. Das gelbe Zeug, das da rauskommt wird nun täglich weggeschabt und macht meine ganze Hoffnung auf den Pool in der Reha zunichte.

Reha:
Am Mittwoch, den 31. Mai bin ich in die Reha umgezogen. Es war sehr anstrengend, so lange war ich vorher noch nicht auf den Beinen und gegen 11 Uhr war ich total erschöpft und fertig. Nichts gefiel mir dort und als auf mein Klingeln die Schwester sich durch die Gegensprechanlage mit "Was ist?" meldete, war ich nahe am Zusammenbruch.
Die Umstellung von Station zur Reha glich dem Umzug von einem 5 Sterne Hotel in eine Jugendherberge. Nicht von der Einrichtung oder den Räumlichkeiten her, aber vom Service. Klar, man musste ja wieder zurück zur Selbstständigkeit finden, aber die Umstellung war sehr hart. Der straffe Tagesplan (Hüftgymnastik in der Gruppe, Massage, Krankengymnastik, Bewegungsschiene, Fitnessstudio, Visite, Verbandswechsel, Pool für alle, die keine offenen Wunden mehr haben und nebenbei noch 3 Mahlzeiten) hilft dann über die Anfangsschwierigkeiten hinweg und das lange Pfingstwochenende kam. Mein erster Ausflug nach Hause und auf die Hochzeit meiner Freundin.
Couch und Bett hatte mein Freund auf Holzklötze gestellt, so dass ich problemlos darauf sitzen konnte, Sitzkissen und Toilettensitz haben wir von der Reha ausgeliehen und mitgenommen und natürlich auch die Thrombosespritzen.
Die Hochzeit war schön und ich fühlte mich endlich wieder wie ein normaler Mensch. Ich konnte ein schönes Kleid anziehen, zwar mit Turnschuhen, wegen des festen Halts, aber es war eine willkommene Abwechslung zum Sportzeug in der Reha.


Eigentlich wollte ich gar nicht mehr zurück in die Reha, aber was hilft's? Immerhin hatte ich die anderen Triples bereits kennen gelernt, wir waren insgesamt zu fünft, 4 Mädels im Alter von 17-30 und ein Mann mit 40 Jahren. Insgesamt waren wir eine nette Gruppe, zu der sich noch ein paar Knie- und Wirbelsäulenschäden gesellten und so wurde die Zeit in der Reha auch lustig. Gemeinsame Spaziergänge jeden Abend um's Krankenhaus herum, relaxen im Garten, Eis essen Die Schwestern und Pfleger waren ebenfalls sehr nett. Ab und zu haben wir Pizza bestellt und die Fussball-WM hatte ihr übriges zur Gruppendynamik getan.

Aus heutiger Sicht kann ich jedem nur empfehlen, die Reha zu machen. Erstens kann man zu Hause alleine nicht viel machen und man bewegt sich entweder zu wenig oder falsch, weil man mehr machen möchte, als man soll. Zweitens bekommt man in der Reha viel mehr Anwendungen als zu Hause und der Austausch mit den anderen Triples hilft doch weiter. Wenn es irgendwo mal ziept und man feststellt, das es bei den anderen genauso ist, beruhigt das ungemein.
Durch die Anwendungen lernt man seinen Körper wieder kennen und auch den Umgang mit dem Körper unter den neuen Bedingungen.

Wieder zu Hause und im Büro:
Nach 4 Wochen Reha und insgesamt 6 Wochen in Ulm, bin ich dann wieder nach Hause und habe zum ersten Mal seit der OP wieder mit meinem Freund geschlafen. Von den Positionen ist man etwas eingeschränkt, aber das gibt sich auch wieder mit der Zeit.
Nach 5 Wochen bin ich mit meiner Freundin wieder jede Woche zum Schwimmen gegangen. Der einzige Sport, der gleich wieder geht. Brust- und Schmetterlingschwimmen durfte ich noch nicht, aber Kraulen mit mäsigem bis keinem Beinschlag. Wunderbar!
Nach 8 Wochen hatte ich einen Kontrolltermin in Ulm: in den kommenden 3 Wochen zur Vollbelastung kommen, aber noch 5 Wochen mit Krücken gehen, Thrombosespritzen beenden, Thrombosestrümpfe noch 3 Wochen tragen, und das bei 36 C seit 5 Wochen!
Ebenfalls nach 8 Wochen habe ich wieder zum Arbeiten angefangen. Im Rahmen der Wiedereingliederungsprogramms zunächst erst 4 Stunden am Tag, nach weiteren 14 Tagen 6 Stunden und wiederum 2 Wochen später Vollzeit. Das war genau richtig, denn anfangs ist das lange Sitzen sehr unangenehm. Ich bin nach der Arbeit täglich in ein Rehafitnessstudio gegangen und habe mich durchbewegt, das war super als Ausgleich zum Sitzen.


Die Kollegen waren sehr hilfsbereit, fürsorglich und wollten alle helfen. Kaum einem konnte ich verständlich machen, dass ich auch mal ein paar Schritte gehen möchte, darf und soll. Völlig neue Situation, denn in der Reha konnten die anderen Patienten einem auch nicht helfen, denn sie waren selber auf Krücken und man musste, wenn auch langsam vieles selber machen.
Mühsam war nur die Organisation der Transporte zur Arbeit und nach Hause. Selber fahren durfte ich noch nicht, erst unter Vollbelastung und ohne Krücken, Urlaubszeit (Juli / August) war auch noch und alle Kollegen, die in meiner Nähe wohnen (es sind sehr wenige) arbeiten Vollzeit, so dass die Heimfahrt problematisch ist. Einen Teil konnte ich dann mit einem Fahrdienst aus der Firma überbrücken, dann kamen die Kollegen aus dem Urlaub zurück und ich arbeitete bereits 6 Stunden und konnte die Zeit bis die anderen heimfahren in der Rehafitness überbrücken.
Da ich in der Zeit auch nur 68% meines Gehalts bekommen habe (der Arbeitgeber zahlt nur die ersten 6 Wochen, danach übernimmt die Krankenkasse bzw. die Rentenversicherung, aber eben nicht das volle Gehalt), hätte es sich nicht gelohnt, wenn mich mein Freund die 25km einfach jeden Tag gefahren hätte. Das wären 100km am Tag für ihn gewesen, was dann in wirtschaftlichem Unsinn resultiert, denn mehr Fahrtkosten von weniger Gehalt zu bezahlen ist absurd, zumal man noch krank geschrieben ist und das nicht ohne Grund.
Also sollte man sich über den Arbeitsweg Gedanken machen, bevor man sich für das Programm entscheidet solange man noch nicht Autofahren kann. Das Programm kann man auch später anfangen.

Zusammenfassung:
Insgesamt war ich 12 Tage im Krankenhaus (wahrscheinlich geht es auch kürzer, wenn man den OP Termin nicht auf Freitag legt und in der Woche drauf keine Feiertage und Brückentage sind).
In meinem Beckenkamm stecken 3 ca. 10-15cm lange Schrauben, zwei davon spürt man wenn man mit den Fingern darüber streicht. Ich habe 3 Narben, eine mit etwa 3 cm direkt in der Leiste, eine mit etwa 15-20cm die sich am Beckenknochen orientiert und eine mit etwa 10cm senkrecht in der Mitte der Pobacke. Aufstehen hätte ich schon am 2. Tag gedurft, wenn mein Kreislauf mitgemacht hätte. Sitzen durfte ich mit Sitzkissen sobald ich zum Stuhl laufen konnte, also etwa am 6. Tag. Der Winkel zwischen Körper und Beinen sollte mehr als 90 betragen. Das galt für die nächsten 12 Wochen.
Zuhause haben wir die Couch und das Bett auf Holzklötze gestellt, so dass ich dort ohne Sitzerhöhung sitzen konnte. Das Sitzkissen habe ich am Esstisch deponiert und die Toilette bekam eine Sitzerhöhung.
Haushaltshilfe bekam ich keine, aber mein Freund hat alles im Haushalt erledigt. Gekocht habe ich wenig, denn mit Krücken in der Küche, macht das keinen Spass und es dauert alles ewig lange.
Mit der Belastung und in der Arbeit habe ich nach 8 Wochen angefangen, die Gehstützen konnte ich nach 12 Wochen weglassen, also 2 Wochen nach der Vollbelastung.
Ab da habe ich dann auch wieder mit Nordic Walking, Auto und Rad fahren angefangen.

Ganz fit bin ich nach 13 Wochen noch nicht, mein Gangbild ist noch etwas entenhaft und es schmerzt wenn ich schwere Sachen (> 2kg) trage. Der Muskel baut sich eben erst langsam wieder auf. Aber ich glaube fest an meinen Körper, er wird das schaffen.

Nach 14,5 Wochen hatte ich noch mal einen Kontrolltermin. Der Beckenknochen ist fast ganz zusammengewachsen, aber die Muskulatur immer noch schwach. Mit Skifahren und Inlinen sollte ich besser noch bis nächstes Jahr warten, denn Stürze sollte man in den 8 Monaten nach der OP vermeiden. Ich mache weiterhin Krankengymnastik und bin endlich wieder in meinem Fitnessstudio, wo ich Pilates und Wasseraerobic mache. Meine Muskeln werden langsam wieder stärker. Trotzdem merke ich, dass mir längeres Sitzen immer noch nicht gut tut. Also ein Arbeitstag mit mehr als 7 Stunden ist hart.

Die Schrauben werden im Frühjahr nächstes Jahr (2007) entfernt, eventuell wird dann gleich die linke Seite operiert, sofern sie weh tut. Das hält sich bisher in Grenzen.



Fazit
Hat sich die OP gelohnt? Bis jetzt: ja! Allerdings kann ich das Ergebnis noch nicht wirklich beurteilen, da ich erst 18 Wochen nach OP bin und noch in der Aufbauphase.
Ingesamt geht die Zeit schneller vorüber als man denkt und wenn man so mittendrin steckt, dann freut man sich so über die täglichen kleinen Erfolgen, dass man die Zeit gar nicht so sehr wahr nimmt. Sollte die zweite Seite Probleme machen, würde ich sie auch operieren lassen. Auch wenn es sich vielleicht hart und lang anhört, für jemanden, der es noch vor sich hat...Es geht vorüber und rückblickend ist alles gar nicht so wild.


30.09.06, Vanessa Bechmann
vanessabechmann@yahoo.de






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